Langsamkeit – Wie wichtig sie ist und wie du dich darin übst

Im heutigen Artikel geht es um Langsamkeit und Geschwindigkeit. Ich möchte dir zeigen, wie du dich in Langsamkeit üben kannst, warum sie so hilfreich ist und wie du durch Entschleunigung manchmal schneller ans Ziel kommst.

Es geht um eine gute Balance

Unser Leben – jede Aufgabe, die wir ausführen – besteht sowohl aus schnellen als auch aus langsamen Prozessen. Manchmal scheint das Leben zu rasen und dann gibt es uns wieder Möglichkeiten, abzubremsen und innezuhalten. Beide Aspekte sind wertvoll und für unser Vorwärtskommen im Leben wichtig. In unserer recht schnelllebigen und oft hektischen Zeit haben jedoch Langsamkeit und Geduld kein besonders gutes Image. Daher ist es wichtig, selbst für eine gute eigene Balance zwischen Geschwindigkeit und Langsamkeit zu sorgen, die dem eigenen Rhythmus entspricht.

Geschwindigkeit

Geschwindigkeit ist ja zunächst einmal eine wunderbare Sache. Sie bedeutet einfach, dass du dein Ziel oder Vorhaben schnell und auf effektive Weise erreichst. Zum Problem wird es nur, wenn Geschwindigkeit und Effizienz zum Selbstzweck werden und du den Kontakt zu deinen wahren Bedürfnissen und zu dem, was dir wirklich wichtig ist, verlierst. Dann kann es z.B. schnell passieren, dass du gar nicht mehr merkst, dass dir eigentlich eine Pause oder Erholung guttun würde und du dich stattdessen zu weiteren Leistungen antreibst oder antreiben lässt.

Doch wie entsteht eigentlich Geschwindigkeit in unserem Denken und in unseren Handlungen? Um diese Frage zu beantworten, möchte ich dich zunächst dazu einladen, dein Leben nach Tätigkeiten und Bereichen zu erkunden, die dir gewöhnlich schnell von der Hand gehen:

In welchen Bereichen deines Lebens bist du besonders schnell und effektiv?
Welche Tätigkeiten führst du einfach so aus – ohne groß darüber nachzudenken?
War das schon immer so? Oder hat es sich mit der Zeit verändert?


Es können auch kleine und alltägliche Handlungen sein.

Zu einem gewissen Grad tragen Veranlagung, Talente und Begabungen dazu bei, dass wir bei manchen Aufgaben den Turbo einlegen können. Zu einem weitaus größeren Teil hängt jedoch unsere Denk- und Handlungsgeschwindigkeit davon ab, wie viel oder wie wenig Wissen und Erfahrung wir uns in diesem Bereich bereits angeeignet haben, worauf wir nun zurückgreifen können. Automatisiert ausgeführte mentale Prozesse und Bewegungsabläufe spielen dabei eine große Rolle. Häufiges Üben und Wiederholen einer Aufgabe führen also mit der Zeit zu höherer Geschwindigkeit und Effektivität.

Ein modernes Märchen

»Guten Tag«, sagte der kleine Prinz.
     »Guten Tag«, sagte der Händler. Er handelte mit höchst wirksamen, durststillenden Pillen. Man schluckte jede Woche eine und spürt überhaupt kein Bedürfnis mehr, zu trinken.
     »Warum verkaufst du das?«, sagte der kleine Prinz.
     »Das ist eine große Zeitersparnis«, sagte der Händler. »Die Sachverständigen haben Berechnungen angestellt. Man erspart dreiundfünfzig Minuten in der Woche.«
     »Und was macht man mit diesen dreiundfünfzig Minuten?«
     »Man macht damit, was man will …«
     »Wenn ich dreiundfünfzig Minuten übrig hätte«, sagte der kleine Prinz, »würde ich ganz gemächlich zu einem Brunnen laufen …«
 

Antoine de Saint-Exupéry, Der Kleine Prinz

Langsamkeit

Wenn wir langsamer werden, können wir all die Fähigkeiten aktivieren, die in der Neuropsychologie als Exekutive Funktionen bezeichnet werden. Hierzu zählen Fähigkeiten wie sich zu konzentrieren, sich nicht ablenken zu lassen, sich an eine Information zu erinnern und sie anzuwenden, sein Handeln zu planen und gegebenenfalls Pläne zu revidieren sowie die Fähigkeit der Impulskontrolle. Diese Fähigkeiten ermöglichen es uns, unser Verhalten aktiv zu gestalten. Dies bringt viele Vorteile mit sich.

Glück & Zufriedenheit

Der Hauptgewinn, den du durch mehr Langsamkeit im Leben erzielen kannst, liegt in der Kultivierung von Glück, Zufriedenheit und positiven Gefühlen. Denn was nützt es dir, wenn du all deine Ziele erreichst, super erfolgreich unterwegs bist, ein nach außen hin scheinbar erfülltes Leben führst, wenn du dir nie die Zeit nimmst, all das auch zu genießen und wertzuschätzen? Langsamkeit gibt uns Gelegenheit, jeden Augenblick des Lebens bewusst zu erleben und uns der Fülle bewusst zu werden, die bereits da ist.

Wir Menschen neigen einfach dazu, Dinge schnell für selbstverständlich zu halten. Dies gilt sowohl für das, was wir bereits erreicht und geschaffen haben als auch für die Menschen, die in unserem Leben sind. Folgende Übung aus der Schatztruhe des positiven Denkens kann hier wahre Wunder bewirken. Du kannst sie jetzt gleich ausprobieren. Die Wirkung wird umso nachhaltiger sein, je regelmäßiger du sie in deinen Alltag einbaust.

Die “Dankbarkeit”-Übung
Schreibe 3 Dinge auf, für die du gerade dankbar bist. Und nimm dir etwas Zeit, ein Gefühl von Dankbarkeit und Wertschätzung in dir entstehen zu lassen.

Wofür bin ich gerade dankbar?

Auch dein Glücklichsein kannst du ganz aktiv gestalten und jeden Tag weiter trainieren.

Bei dieser Übung soll es nicht darum gehen, dir Dankbarkeit “einzureden” und dir dadurch Situationen schönzureden, die tatsächlich Veränderungsbedarf haben. Es geht vielmehr darum, deinen Blick auch auf die Dinge zu lenken, die in deinem Leben bereits gut sind. Daraus kannst du sehr viel Kraft schöpfen, die du dann nutzen kannst, um die Dinge anzupacken, die du wirklich verändern möchtest.

Selbstbestimmtes Denken & Handeln

Ein großer Gewinn von Langsamkeit für die Persönlichkeitsentwicklung und das Coaching besteht darin, dass erst durch Langsamkeit ein wirklich selbstbestimmtes, überprüftes Denken und Handeln ermöglicht wird. Die automatisierten Abläufe und Gewohnheiten, die in dir gespeichert sind, müssen nicht automatisch auch immer konstruktiv, hilfreich und zielführend sein. Manchmal stecken auch destruktive Gedanken, Glaubenssätze und Prägungen dahinter, die du vielleicht als innere Blockaden erlebst.

Ein Beispiel: Vielleicht hast du in deiner Kindheit und Jugend immer wieder den Satz gehört “Harte Arbeit führt zum Erfolg”. Vielleicht hast du den Menschen damals einfach vertraut und hast den Satz also unbewusst in dein Weltbild übernommen und entsprechend danach gehandelt. Erst durch Langsamkeit, durch Innehalten und Hinterfragen kannst du heute neu denken, diesen Satz überprüfen und mit deiner eigenen Wahrheit abgleichen. So wirst du vielleicht für dich feststellen, dass “Harte Arbeit” nicht immer zwangsläufig zu Erfolg, sondern in manchen Fällen einfach direkt zu Erschöpfung führen kann. Und dass für das, was für dich “Erfolg” bedeutet, vielleicht auch noch ein paar andere Bausteine wichtig sind.

Klare Ziele, die zu dir passen

Ein weiterer echter Vorteil der Langsamkeit ist, dass sie dir ermöglicht, wirklich bei dir anzukommen. Das ist eine wesentliche Grundlage, um klare Ziele zu formulieren und sie auch zu verwirklichen. Das ist nicht wirklich kompliziert, erfordert aber Ehrlichkeit und Langsamkeit.

Folgende Fragen können dir dabei helfen:
Was zählt für mich in meinem Leben am meisten? Was ist mir wirklich wichtig?
Wie kann ich meine Zeit so organisieren, dass hierfür ausreichend Raum ist?
Was bin ich bereit dafür wegzulassen?

Mit folgender Frage kannst du deine Ziele überprüfen:
Tragen meine Ziele zu mehr Lebensfreude bei?

Wenn die Antwort “Ja” lautet, ist es ein gutes Zeichen, dass dein Ziel wirklich auf deinem eigenen Weg liegt und zu dir passt. Wenn die Antwort “Nein” lautet, nimm dir die Freiheit, dein Ziel auch wieder zu revidieren oder zu korrigieren.

Positive Beziehungen

Entschleunigung wird sich auch nachhaltig auf die Art und Weise deiner Kommunikation mit anderen Menschen und damit auf die Qualität deiner Beziehungen auswirken. Langsamkeit ermöglicht dir, achtsam und aktiv zuzuhören, nachzufragen, anderen deine Aufmerksamkeit zu schenken und ihnen auf konstruktive Weise Feedback zu geben. Darüber hinaus wird es dir auch leichter fallen, klarer zu formulieren, was dir wichtig ist, deinen Standpunkt zu vertreten und auf deinem Kurs zu bleiben.

When you make the present moment
the focal point of your life
instead of past and future,
your ability to enjoy what you do
– and with it, the quality of your life –
increases dramatically.

Eckhart Tolle

Wie du dich in Langsamkeit üben kannst

Ich möchte dir noch drei Möglichkeiten mit auf den Weg geben, die dich darin unterstützen können, wieder mehr zu deinem eigenen Rhythmus zurückzufinden und damit deine Lebensqualität zu erhöhen:

1. Yoga
Yoga und andere achtsame Bewegungsformen sind wie dafür geschaffen, über den Körper auch deinen Geist zur Ruhe zu bringen. Die fließenden Bewegungen, das Innehalten in den Asanas (Positionen) und der Fokus auf der Atmung – all das führt dich wieder näher zu dir und verbindet dich mit einer ruhigen und beständigen Kraft.

2. Achtsamkeit & Meditation
Wenn du noch tiefer eintauchen möchtest, eignen sich alle Formen von Achtsamkeit und Meditation. Hier gilt es, aus der Fülle an Übungen und Angeboten, den Stil herauszufinden, der zu dir passt. Meditation kann dir dabei helfen, gelassener zu leben, achtsamer zu kommunizieren und erholsamer zu schlafen.

3. Doing One Thing at a Time
Diese Übung kannst du direkt in deinen Alltag integrieren und ist sozusagen das Gegenteil von Multitasking. Mache nur eine Sache auf einmal. Mache die Erfahrung des gegenwärtigen Moments: Lies nicht beim Baden, sieh dir beim Essen keine Serie an, arbeite nicht am PC, während du telefonierst – nimm dich selbst und deine Umwelt bewusst wahr.

Welche kleinen oder auch großen Rituale verwendest du besonders gerne, um deinen Alltag zu entschleunigen?

Ich danke dir, dass du dir die Zeit genommen hast, diesen Blog-Artikel zu lesen. Ich hoffe, du konntest Inspiration, Motivation und hilfreiche Impulse für dein Leben in deinem ganz eigenen Rhythmus mitnehmen.

In Verbundenheit,
Dein Nico

Photo-Credit: Taylor Simpson on Unsplash (Header)